Gendern! – aber wie?

In diesem Beitrag will ich mich mit einem Thema beschäftigen, auf welches ich durch meine eigenen Fehler gestoßen bin. Ich habe nämlich letztens meine alten Blogbeiträge durchgelesen und erst beim Lesen ist es mir dann aufgefallen: „Arzt“, „führende Wissenschaftler“ und so weiter. Ich habe oft, wenn auch nicht immer, nur die männliche Form verwendet, vor allem bei der Beschreibung solcher Berufsgruppen. Dabei wollte ich nicht auf einen bestimmten Arzt, oder auf einen bestimmten Wissenschaftler hinweisen, sondern nur allgemein die Berufsgruppen erwähnen. Dass ich dabei sofort das Bild eines Mannes, wenn auch nur unbewusst, im Kopf hatte, hat mich zum Nachdenken gebracht. Habe ich das ganz bewusst so gemacht, oder unbewusst und aus Bequemlichkeit, weil es mir zu anstrengend war, mich darauf zu konzentrieren? Daher will ich in dem folgenden Blogeintrag einige meiner Gedanken und Erfahrungen mit geschlechtsneutraler Sprache teilen, damit ihr möglicherweise einige neue Sichtweisen kennenlernt und ich mir in Zukunft merke, besser darauf zu achten und diese Fehler nicht mehr zu begehen.

In unserem Studiengang an der Fachhochschule ist es vorgeschrieben, dass wir in allen unseren Arbeiten, Präsentationen oder Ähnlichem kein Geschlecht, und damit ist die männliche Form gemeint, bevorzugen dürfen und mit unserer Wortwahl auf alle Geschlechter hinweisen sollen, oder wie es auch genannt wird: Gendern. In den Hausarbeiten, Präsentationen usw., welche ich für die verschiedensten Lehrveranstaltungen verfasst habe, ist mir das bis jetzt nicht wirklich schwergefallen und auch wenn ich in der FH spreche, achte ich auf eine geschlechtsneutrale Ausdrucksweise. Jedoch haben mir meine kürzlich geposteten Blogeinträge darauf aufmerksam gemacht, dass ich in meinem Privatleben nicht in diesem Ausmaß bewusst darauf achte, wie ich es an der FH mache. Auch wenn ich mich mit meinen Eltern, Geschwistern, FreundInnen oder anderen Verwandten oder Bekannten unterhalte, habe ich bis jetzt nicht darauf geachtet. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb in meinen Blogeinträgen sehr oft nicht gegendert wurde. Weil ich zu Hause, wenn ich am Laptop sitze und lediglich meine Gedanken heruntertippen will, einfach nicht daran gedacht habe. Möglicherweise liegt das daran, dass sich das Verfassen dieser Blogeinträge für mich nicht so angefühlt hat, wie eine Hausarbeit.

Ich muss hier auch ganz ehrlich zugeben, dass es mich am Anfang des Studiums etwas verunsichert und auch verärgert hat, dass wir immer und überall gendern müssen. „Wo ist denn der Sinn dahinter?“, habe ich mich gefragt und wie auch viele meiner StudienkollegInnen war ich der Meinung, dass es das Lesen schwieriger, das Sprechen mühsamer macht und alles in allem einfach nicht besonders harmonisch und „rund“ klingt. Aber trotz des anfänglichen Protestes habe ich mich schnell daran gewöhnt. Beim Lesen habe ich es bereits nach kurzer Zeit einfach ausgeblendet (wenn nicht besonders umständliche Formen verwendet worden sind) und bezieht man sich auf das Sprechen, so muss ich sagen, dass „KlientInnen und Klienten“ anstatt nur Klienten auch schnell ausgesprochen ist.

Beim Schreiben gibt es mehrere Möglichkeiten des Genderns, wie sie auch in dieser Stellungnahme beschrieben werden. Ich habe mich für das Binnen-I entschieden, da es beim Schreiben relativ wenig Zeit in Anspruch nimmt, ich mir nicht extra viele Gedanken darüber machen muss, weil es auch schnell automatisiert wird, und es, meiner Meinung nach, die Leserlichkeit weniger stört. Gegen das Binnen-I gibt es jedoch auch viel Kritik, da es eben, wie in dieser Stellungnahme geschrieben wird, nur die Geschlechter Mann und Frau nennt, und alle anderen ausgespart werden. Hier muss ich jedoch widersprechen. Meines Erachtens nach werden hier nicht nur die Geschlechter Mann und Frau genannt, sondern es wird lediglich die Frau genannt. Ich weiß, dass es so gedacht ist, dass durch das Binnen-I eben auch das männliche Geschlecht „dazugedacht“ wird, jedoch ist das, was vom Wortbild und vor allem auch von der Aussprache dessen übrig bleibt, die weibliche Form. Daher finde ich, dass das Binnen-I seinen Zweck nicht zur Gänze erfüllt und eher das weibliche Geschlecht in den Vordergrund stellt, was meiner Meinung nach mit Gleichstellung nicht mehr viel zu tun hat. Denn wie auch die ausschließlich männlichen Form „Arzt“ bei uns das Bild eines Mannes erscheinen lässt, so führt die Form „ÄrztIn“ bei mir zu dem Vorstellungsbild einer Frau.

Es gibt jedoch noch weitere Formen der geschlechtsneutralen Schreibweise, damit andere Geschlechter wie Transpersonen, Intersexuelle etc. ebenfalls „Raum“ in den Wörtern erhalten, sind die Gender Gap und Gender Star, also beispielsweise „Student_innen“ oder „Student*innen“. Ich verstehe den Ansatz, der hier dahintersteht, jedoch muss ich auch ganz ehrlich zugeben, dass ich, bevor ich diesen Text gelesen hatte nicht wusste, dass mit der Gender Gap und dem Gender Star auch andere Geschlechter miteinbezogen werden sollen. Außerdem finde ich es, wie bereits vorher erwähnt, beim Schreiben sehr umständlich, was vor allem beim Verfassen von langen Hausarbeiten einen sehr negativen Effekt haben könnte, zumindest was meine Konzentration und Motivation betrifft.

Um andere Geschlechter trotzdem nicht auszuschließen werde ich mich in Zukunft um eine weitere Form bemühen, nämlich das geschlechtsneutrale Formulieren. Anstatt StudentInnen zu schreiben, einfach das Wort Studierende verwenden. Das ist sowohl beim Schreiben, als auch beim Sprechen eine Erleichterung und es wird niemand ausgeschlossen. Natürlich ist es nicht bei jedem Begriff immer möglich, sehr schnell eine geschlechterneutrale Formulierung zu finden. Jedoch glaube ich, dass es sehr wohl eine gute Möglichkeit in der Kommunikation darstellt und man mit ein bisschen Übung das Repertoire an geschlechtsneutralen Wörtern schnell erweitern kann.

Trotz der langen Diskussion, die bereits über das Gendern geführt wird, habe ich das Gefühl, dass es in der Gesellschaft größtenteils noch sehr negativ gesehen wird. Bei meiner Recherche bin ich beispielsweise auf sehr viel mehr negative, als positive Beiträge und Kommentare gestoßen, die mich eher gerne davon abhalten würden zu gendern und mich selbst auch in meinen Texten zu nennen. Neben der Tatsache, dass es als Frau schön ist, wenn man einen Text oder einen Zeitungsartikel liest, in dem man sich angesprochen fühlt, hat das Gendern laut manchen Studien noch weitere psychologische Effekte. Wie in diesem Artikel der Presse zu lesen ist,  führt das ausschließliche Verwenden der männlichen Form dazu, dass bei den Leserinnen und Lesern automatisch das Bild eines Mannes konstruiert wird, wenn die Rede vom Chef, vom Arzt, vom Wissenschaftler und so weiter ist. Es werden also Rollenbilder reproduziert und somit auch das patriarchale Weltbild, von dem wir uns aber bereits seit geraumer Zeit wegentwickeln und das auch weiterhin tun sollten. Sprache führt zu Bewusstseinsbildung, und Sprache kann das Bewusstsein aber auch ändern. Das lässt mich jedoch wieder zum Thema des Binnen-I und der Konstruktion eines weiblichen Bildes zurückkommen.

Wenn es beim Gendern wirklich darum geht, alle Geschlechter miteinzubeziehen und niemanden auszuschließen so finde ich ist es notwendig, eine einheitliche Form des Genders zu verwenden, welche tatsächlich niemanden ausschließt. Es gibt, wie ich bereits in diesem Eintrag erwähnt habe, sehr viele Formen und viele von ihnen haben, oder sollen zumindest, einen anderen Zweck erfüllen. Ich glaube, dass es sinnvoller wäre, eine bestimmte Form des Genderns durchzusetzen und diese auch zu verlangen anstatt, wie bei uns an der FH, allen freigestellt zu lassen, welche Form sie verwenden wollen. Dadurch entsteht nämlich genau das, was auch bei mir entstanden ist: Man sucht sich logischerweise das einfachste aus, nämlich das Binnen-I, obwohl es meiner Meinung nach am wenigsten den Zweck der geschlechtsneutralen Sprache erfüllt.

Abschließend will ich hier, trotz meiner Kritik, noch erwähnen, dass ich selbst nach eigenen anfänglichen Schwierigkeiten den Wert und den Sinn des geschlechtsneutralen Formulierens und Genderns erkannt habe. Denn auch, wenn es anfänglich schwierig und anstrengend ist, daran zu denken und es zu beachten, so liegt der Sinn dessen nicht darin, uns Studierenden das Leben zu erschweren, sondern uns dafür zu sensibilisieren, dass wir beim Schreiben, und somit auch automatisch in unserer Vorstellung auch alle anderen Geschlechter sehen. Ich werde mich auf jeden Fall in Zukunft darum bemühen, auch in meinem Privatleben mehr darauf zu achten. Möglicherweise führt das im Laufe der Zeit dazu, dass ich nicht mehr großartig darüber nachdenke, geschlechtsneutral zu formulieren.

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